Kiel Kills Gaschke

Bildschirmfoto 2013-10-28 um 21.51.15Heute ist die Kieler Oberbürgermeisterin Frau Dr. Susanne Gaschke zurückgetreten. Inhaltlich kann und will ich diesen Rücktritt nicht kommentieren, aber interessant finde ich mit welchen Worten sie zurückgetreten ist und welche Reaktionen (reflexartig) folgten.

Hier zunächst die heutige Pressekonferenz vom NDR aufgezeichnet: Pressekonferenz 28.10.2013 

Ab Minute 2 äußert sich Frau Gaschke zu den Gründen ihres Rücktritts. Sie legt ihre Sicht der Dinge über die Affäre dar und räumt ein, dass ihre politische Entscheidung zum Vergleich (statt Vollstreckung) ein Fehler war. Dann redet sie über ihren Versuch eines anderen Politikstils, den andere (vor allem Männer) als “weich” bezeichnet und torpediert haben. Sie redet über “Hass” von Seiten alter Machtstrukturen (Parteipolitik) und einigen Medien (Kieler Nachrichten) und bezeichnet diese als “testosterongesteuert”.

Noch einmal: Inhaltlich möchte ich mich zu der Affäre nicht äußern, da mir die Faktenlage nicht genau bekannt ist. Ich finde allerdings Frau Gaschkes 10-minütige Rede äußerst aufschlussreich in Bezug auf Machtstrukturen (Politprofis vs. Seiteneinsteiger; Politiker vs. Politikerinnen) und unterschiedliche Politikkulturen. Ob Frau Gaschke tatsächlich einen anderen Politikstil gelebt hat, sei dahin gestellt, aber es scheint, dass dies in den alten Machtstrukturen gar nicht erst möglich ist (nicht einmal auf  regionaler Ebene).

Nun aber zur medialen Reaktion…

Ich bin auf dieses Thema  über einen kritischen Kommentar von Christiane Hoffmann für Spiegel Online gestoßen, der folgenden Titel trägt: Rücktritt von Kiels OB Susanne Gaschke: Die testosterongesteuerte Frau 

Das hat mich stutzig gemacht. Die Kommentatorin sieht kein systemisches Scheitern der Frau und Seiteneinsteigerin Gaschke, sondern ausschließlich ein persönliches (gewisse Empfindsamkeit, emotional reagiert etc.). Frau Hoffmann beschreibt, dass sich Frau Gaschke als Opfer sieht, als “Opfer unveränderlicher Rituale”, als “Opfer der alten Art der Politik” und, vor allem, als “Opfer als Frau in einer männlich dominierten Politikwelt”. Und dann zieht sie folgende Schlussfolgerung: “Für die Sache der Frauen und die Diskussion um Frauen in Führungspositionen ist es nicht zuträglich, wenn Frauen wie Gaschke in einem wichtigen politischen Amt scheitern. Noch weniger zuträglich ist es, wenn sie ihr Scheitern auch noch damit begründen, dass sie Frauen sind.”

Für mich wirft diese ganze Geschichte eine Reihe grundsätzlicher Fragen auf:

Darf eine Frau in einem wichtigen politischen Amt nicht scheitern, weil sie sonst der Frauensache Unrecht tut? Warum werden an Frauen andere Maßstäbe gesetzt als an Männer? Viele männliche Politiker mussten schon wegen vergleichbarer Fehler zurücktreten und haben damit nicht dem “Männerthema” geschadet.

Warum  “schlossen sich die Reihen nicht, als sie angegriffen wurde”, wie Frau Hoffmann schreibt? Mag es daran liegen, dass Frau Gaschke nicht über alte, männliche Seilschaften verfügte. Immerhin gibt es insgesamt nur 20 Ratsfrauen in der Kieler Ratsversammlung zu 36 Ratsherren. Und es sitzen nur 5 weitere Frauen  in der SPD Fraktion (zu 15 Männern). Vielleicht wollte die alte Machtstruktur auch zurück zu gewohntem Habitus und “Jargon”?

Warum darf in der Politik nicht emotional agiert werden bzw. warum dürfen das Männer neuerdings, aber Frauen offensichtlich nicht (s. Steinbrücks Tränen)?

Sicherlich gibt es auch persönliche Gründe für Frau Gaschkes Rücktritt, aber besteht nicht auch die Möglichkeit, dass sie nicht nur die “Frauenopferrolle” spielt, sondern tatsächlich einen Zustand der deutschen Politik beschreibt, der es  enorm schwer macht, sich mit anderem Habitus durchzusetzen?

Ich kann an ihrem Rücktritt jedenfalls nichts opferhaftes erkennen und frage mich, ob die Spiegel Online Kommentatorin mit ihrem Artikel Gutes “[f]ür die Sache der Frauen und die Diskussion um Frauen in Führungspositionen” tut, wenn sie reflexartig auf eine andere Frau einschlägt, die es wagt, männliche Machtstrukturen anzusprechen und zu kritisieren. 

Wie gesagt, viele Fragen…