Monthly Archives: December 2013

Köln, Kiew, Moskau: Feministischer Protest und dessen Unvergleichbarkeit

Eine Frau zieht blank auf dem Altar des Kölner Doms; eine Frau wird in der Nähe von Kiew brutal zusammengeschlagen; zwei Frauen werden nach fast zweijähriger Haft in russischen Lagern entlassen… Deutschland, Ukraine, Russland und der zivile Ungehorsam. Ein Essay…

Femen habe ich bis heute nicht verstanden – zumindest nicht in Deutschland: Junge Frauen protestieren barbusig an öffentlichen Orten, um (Medien)-Aufmerksamkeit zu erwirken. Soweit so plakativ. Starten wir jedoch dort, wo Femen begann: Femen wurde 2008 in Kiew/Ukraine von Hanna Huzol et al als feministische Protestgruppe gegründet, um für Frauenrechte einzutreten. Auf Wikipedia lesen wir: “Nach der Gründung 2008 war Femen zunächst nur in der Ukraine aktiv und wandte sich mit der Parole „Die Ukraine ist kein Bordell“ (Україна — не бордель!) gegen Sextourismus und Zuhälterei.” Spätestens hier treffen drei derzeit aktuelle Themen (Prostitution, Feminismus und die Ukraine) aufeinander, doch zu dieser Dreierkonstellation an anderer Stelle mehr. Seit 2012 gibt es auch in Deutschland, genauer in Hamburg und Berlin, zwei Femen Gruppen. 

Die Ukraine wiederum ist damals (2008), wie gerade heute wieder, sicherlich ein ganz anderes Land als Deutschland mit anderen politischen und sozialen Lebensumstände. Wir sehen und hören dieser Tage wieder viel von großen Demonstrationen und zivilem Ungehorsam in der Ukraine. Trotz meiner Sympathien für die Opposition und obwohl ich die Ukraine bereits dreimal bereist habe, verstehe ich viele Vorgänge aus der Ferne nicht. Dies sei als Einschränkung vorangestellt. Dennoch…
Protest und freier Journalismus bedeuten in der Ukraine heute mehr denn je Gefahr für die Einzelne. Wir können uns hier den erschreckenden Fall der Journalistin und Aktivistin Tatjana Tschornowil (Tetiana Chornovol) vor Augen führen, die in der Nacht vom 24. auf den 25.12.2013 brutal zusammengeschlagen und krankenhausreif geprügelt wurde. Als Journalistin arbeitet sie seit Jahren kritisch zu staatlicher Korruption. Die Reaktion auf ihre Form des “Protests” (Pressefreiheit) musste sie nun sehr schmerzhaft spüren (vergl. spiegel.de und dw.de). Protest in der Ukraine bedeuten (derzeit) Gefahr für Leib und Leben. Eine demokratische Opposition und freie Presse dulden weder Viktor Janukowitsch noch sein russischer Puppenspieler Vladimir Putin.

Gestern, am 25.12.2013, also nur wenige Stunden nach der Attacke auf Frau Chornovol, sprang dann die Hamburger Femen Aktivistin Josephine Markmann (sie nennt sich auch Witt) oben ohne auf den Altar des Kölner Doms. Auf ihre Brust hatte sie “I am God” gepinselt, weil die katholische „[…] Kirche, so wie jede religiöse Institution, […] mitverantwortlich für die Unterdrückung der Frau weltweit“ ist (vergl. taz.de), wie Femen Germany auf Facebook verkündet. Frau Markmann/Witt, die wegen einer Femen Aktion ein paar Wochen in einem tunesischen Gefängnis sass (29.5.-27.6.2013), ist nun wegen Hausfriedensbruch und Störung der Religionsausübung angeklagt. Ihr drohen eine Geldstrafe und eine Haftstrafe von bis zu maximal drei Jahren (vergl. spiegel.de), die in Deutschland sicherlich nicht verhängt werden wird.

Meiner Meinung nach spiegelt Frau Markmanns/ Witts Aktion absolut kalkuliert die Protestaktion der Pussy Riots wider, die am 21.2.2012 auf dem Altar der Russisch-Orthodoxen-Kirche in Moskau ihr legendäres “Punk-Gebet” gaben:

Die letzen Aktivistinnen von Pussy Riots wurden gerade, am 23.12.2013, nur 2 Tage vor Frau Markmanns/Witts Aktion im Kölner Dom, freigelassen nachdem sie fast zwei Jahre unter unmenschlichen Haftbedingungen in verschiedenen russischen Lagern inhaftiert waren.

Sich an dem Tag, an dem eine zusammengeschlagene Journalistin aus dem Straßengraben bei Kiew gefischt wird und wenige Tage nachdem zwei Aktivistinnen aus russischen Gefängnissen entlassen wurden, oberkörperfrei auf einen Altar in Deutschland zu stellen und eine schwammige Plattitüde zu propagieren, ist den ukrainischen und russischen Protesten gegenüber anmaßend und vermessen. Diese (Einzel-)Femen Aktion nutzte gezielt die Symbolkraft des Punk-Gebets der Pussy Riots sowie die politische Bedeutung, die hinter den feministisch-demokratischen Bewegungen in der Ukraine  steht für rein egoistische Ziele, die hauptsächlich mit der eigenen Medienwirkung zu tun haben. Anstatt sich feministischen Themen in Deutschland zuzuwenden (und davon gibt es hier genug), begnügen sich die Femen Frauen hierzulande zumeist mit hohlen Phrasen und bedeutungslosen Performances, die nur oberflächlich und ob ihrer Bildstärke an die Aktionen der ukrainischen und russischen Aktivistinnen erinnern.

Damit will ich keineswegs sagen, dass Protest und ziviler Ungehorsam nur dann wertvoll sind, wenn man die eigene Freiheit oder körperliche Unversehrtheit dabei aufs Spiel setzt. Jedoch sollte es bei Protest eindeutig um viel mehr gehen als nur um “schöne” Skandalbilder in den Medien. Die Femen Frauen in Deutschland machen sich da etwas zu eigen, was ihnen nicht zusteht. Sie nutzen kollektiv eingeprägte Bilder von Freiheitsprotesten aus Ländern, in denen Menschen derzeit um ganz andere Existenzgrundlagen ringen als es hier in Deutschland der Fall ist.

Femen Deutschland könnte sich lieber die Zeit nehmen darüber nachzudenken, wie feministischer Protest in Deutschland 2014 ohne nackte Oberkörper auskommt und uns mit neuartigen Aktionen überraschen, die Protest nicht nur imitieren, sondern Missstände und Diskriminierung im eigenen Land offenlegen und anprangern. Denn davon gibt es auch hier genug. Was jedoch weniger gebraucht wird, ist blanker Aktionismus.

Nachtrag 3.12.2014: Heute wurde die Femen-Aktivistin Josephine Markmann für ihre Protestaktion im Kölner Dom vor knapp einem Jahr vom Kölner Amtsgericht zu einer Geldstrafe von 1200€ verurteilt: sueddeutsche.de 

Das neue Kabinett: 37,5% Frauenquote

Nun gibt es also eine neue Regierung und GroKo hat damit ein Gesicht bzw. mehrere Gesichter. 6 von 16 Ministerposten sind an Frauen gegangen, das ist, wie die Süddeutsche Zeitung gestern schrieb, genauso viel wie in der vorherigen Regierung, allerdings ein Posten weniger als in der letzten GroKo. Und so verteilen sich die 16 Posten (hier in einer Grafik von Spiegel Online in der Übersicht “Kinder”, weil da erstens alle gemeinsam aufs Bild passen und das zweitens doch auch spannend ist):

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Interessant ist natürlich das Verteidigungsministerium mit Frau von der Leyen und Frau Nahles als Ministerin für Arbeit und Soziales. Erwartungsgemäß geht das Familienministerium an eine Frau, ebenso Bildung und Forschung sowie diesmal auch Umwelt und Bau. Die sechste Frau im Bunde ist Angela Merkel und das war’s dann auch schon… Das macht eine Frauenquote im neuen Kabinett von 37,5%; das sind 7,5 % mehr als bald in den deutschen Aufsichtsräten, aber eben noch lange keine 50%.

Global Gender Disparities in Science – Reality Shock

The Indiana University and the Université de Montréal recently published their report on Global Gender Disparities in Science (2013) analyzing almost 5.5 million research papers and articles published between 2008 and 2012 on gender inequalities. Let us begin with the report’s summary that clearly states the global gender disparities:

“We present here a global and cross-disciplinary scientometric analysis of the relationship between gender and a) output, b) collaboration, and c) impact (measured through citations). We analyzed 5,483,841 research papers and review articles published between 2008-2012 in journals indexed in the Web of Science. Women are underrepresented across nearly all countries and disciplines. Globally, women account for fewer than 30% of fractionalized authorships, whereas men represent slightly more than 70%. We find that in the most productive countries, all articles with women in dominant author positions receive fewer citations than those with men in the same positions. And this citation disadvantage is accentuated by the fact that women’s publication portfolios are more domestic than their male colleagues in all of the most productive countries. Given that citation now play a central part in the evaluation of researchers, this situation can only worsen gender disparities.”

Let’s now have a closer look at Germany:

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445.037 academic papers/articles were published in Germany in said period with a female ratio of 0.334 which means that only 25% of all papers/articles published in Germany were authored by women.
When it comes to what the report’s authors called “citation impact” of papers/articles published in Germany the following numbers are revealing:

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If we just take the number for single-authored publication, the  picture shows that women in Germany have a citation impact factor of 0,970 while men have a citation impact factor of 1,628 made visible through the light to dark green fields (from a minimum of 0,084 to maximum of 3,003 citation impact). Women’s citation impact is thus significantly lower than men’s citation impact to approximately 40%.

One also has the possibility to search for publication productivity by disciplines – which I did exemplary here for Art History – and you get the numbers for the top ten countries by total numbers of publications:

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Additionally, it is possible to look up the national and international collaboration of males and females sorted by countries visualized by colored bars. In this case, the graph shows the difference between female and male international collaboration rate in Germany:

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Admittedly, it is difficult to understand the ratios properly (a preparation in percentage would have been helpful, also indicating the reference), but it’s nevertheless worthwhile playing around with the interactive figures and graphs. One gets the broader picture summarized so gravely by the report’s authors:
“Globally, women account for fewer than 30% of fractionalized authorships, […] all articles with women in dominant author positions receive fewer citations than those with men […]. Given that citation now play a central part in the evaluation of researchers, this situation can only worsen gender disparities.”
This finale sentence should distress us all.

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Killing Us Softly 4 – Jean Kilbourne on Women in Advertisement

In 2010 Jean Kilbourne updated her series Killing Us Softly which she had started in 1979 and continued in 1987 and 2000. Here is a short trailer of the 2010 documentary:

It’s definitely worth watching it all:

Also, hear Dr. Kilbourne in an interview with bitchmedia shortly after the 2010 release.
I am sure we will see Killing Us Softly 5 in the near future…