Barbie: A Never-Ending Hate Story

Schon meine Mutter hasste meine Barbies. Das war in den 1980ern. Wer sie mir schenkte? Wahrscheinlich meine Verwandten – Oma und Opa oder eine Tante – vielleicht kam die eine oder andere sogar von meinen Eltern selbst. Ich hatte so ungefähr 5 bis 7 Stück mit diversem Zubehör und – im Gegensatz zu Judith Holofernes, die gerade einen sehr lesenswerten Text über ihre Barbie geschrieben hat – habe ich auch tatsächlich mit diesen Barbies gespielt, jedenfalls eine Zeit lang (Lackschuhe habe ich trotz bitten und betteln von meiner Mutter übrigens nie bekommen. Eine tiefe Kindheitswunde…).

Barbie hat mich geprägt, viel stärker als mir heute gefällt. Diese Konsum-Ikone hat sich eingeprägt in mein weibliches Körperbild, das haben Ikonen nun mal leider oft so an sich. Blond, weiß, langbeinig, extrem dünn, übersexualisiert: Barbie transportiert ein in jeder Hinsicht extrem limitiertes und limitierendes Frauenbild, das sich in seiner Vereinfachung und Übersteigerung tief einbrennt und sehr langfristig Schaden anrichten kann.

Dagegen helfen nur andere Bilder, andere Ikonen, die die biedere Gleichförmigkeit der Barbie entlarven und/oder echte Alternativen bieten. Ein guter Anfang die schlichte Langeweile Barbies aufzuzeigen sind z.B. Ausstellungen wie die des Women’s Studies Program der Appalachian State University mit dem Titel Barbies We Would Like to See aus dem Jahr 2009 (die das gleichnamige Projekt des Women’s Recources & Research Center der University of California in Davis aus dem Jahr 1997 fortführte). Hier wurde Barbie mit für sie bisher ungewohnten Rollenbildern konfrontiert und u.a. als “Muslim Girl Barbie,” oder als schwarze “Gracefully Aging Barbie” oder als “Lesbian Wedding Barbies” dargestellt.

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Das Anliegen der Projekt- bzw. Ausstellungsmacher/innen wird schnell klar: für mehr Diversität bei Frauenbildern sorgen. Es ist der Versuch, weibliche Vielfalt zu visualisieren und aufzuzeigen, wie eingeschränkt und stupide die Vorstellung von Weiblichkeit ist, wenn sie sich auf Barbie und Co beschränkt.

Und immer wieder geht es in der Diskussion um die Maße der Barbie: viel zu dünn und nicht “lebensfähig” wenn sie eine echte Frau wäre. Der Pittsburgher Künstler und Forscher Nickolay Lamm entwarf und baute 2013 eine lebensechte Barbie. Seine “normal Barbie” entspricht den Körpermaßen einer durchschnittlichen 19-jährigen Amerikanerin (errechnet auf Grundlage der Daten des Centers for Disease Control and Prevention). Und so sieht sie aus (immer noch weiß und blond):

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Nickolay Lamm

Plus Size Modeling hingegen pushen die Idee von Plus-Size-Barbies, wie u.a. auf spiegel.de zu lesen war, und befragen dazu ihre Facebook-Fans: Um die 43.000 likes stehen hier circa 3200 kritischen bis ablehnenden Kommentaren gegenüber.

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Was mir dabei auffällt, ist vor allem die starke Konzentration der Debatte auf die Figur und das “Gewicht” der Barbie. Das mag zum einen mit der sehr amerikanischen Debatte zu tun haben, wo das Thema Obesitas ein Dauerthema ist, ist aber andererseits auch ein Zeichen der Zeit und damit gesellschaftsübergreifend.
Die Themen Gewicht und Figur sind in Zeiten von Magermodels, size-zero, thigh gap et al somit das wichtigste Anliegen vieler (kritischer) Äußerungen zu Barbie und Co. Dies ist klar Ausdruck unserer körperbesessenen Zeit, in der (weibliche) Körper ständig auf dem Prüfstand stehen: zu dick, zu klein, nicht perfekt? Alles wird vermessen und kategorisiert und dann in eine Norm (oder einige wenige Normen) gepresst.

Auch die “normale Barbie” ist ja keineswegs einfach nur “normal” (was soll das auch sein?), sondern sie ist blond und weiß und jung und hübsch und wird halbnackt im Bikini präsentiert. Die wenigsten dieser (äußerlichen) Merkmale treffen auf die Mehrzahl der weiblichen Weltbevölkerung zu.
Ja, die “normale Barbie” kann uns kurzfristig die gravierenden Unterschiede zwischen Barbiepuppen und “echten” Frauen aufzuzeigen, aber schnell wird klar, dass auch sie nur eine einschränkende und ausgrenzende Figur ist, die normiert und Unterschiede leugnet. Ihr Name – “normal Barbie” – wird da zum Programm.
Die Plus-Size-Doll empfinde ich in ihrer Aufmachung (die wohl der Originalbarbie nachempfunden sein soll) als Karikatur. In ihrem pinken Minikleidchen fristet sie das bekannte Barbie-Dasein als “hübsches Ding”.

Am Ende sind Barbie, “normal Barbie” und Plus-Size-Doll natürlich genau das: Dinge, nämlich Spielzeuge. Aber sie transportieren eine Menge gesellschaftlicher Vorstellungen und zeigen, wie wir zu Frauen und ihrer (körperlichen) Vielfalt stehen.
Unsere Kinder spielen mit diesen Puppen (hoffentlich so kreativ wie Judith Holofernes es beschreibt), daher sollten wir selbst auf Diversität beim Spielzeug achten. Der Barbie muss etwas gegenübergestellt werden und andere Rollenbilder müssen als Gegenmodelle zur Verfügung stehen, um nicht von Generation zu Generation plumpe Gleichförmigkeit und eintönige Konformität weiterzugeben. Dabei reicht es sicherlich nicht aus, lediglich Barbies Körpermaße zu verändern.

The hate story continues…