Die Scheide ist kein Tabu

In unserer Kita herrscht gerade helle Aufruhr. Ein Junge hat ein Mädchen gefragt, ob er ihre Scheide anfassen darf. Wohlgemerkt: gefragt, nicht einfach gemacht. Daraufhin forderten einige Eltern von Mädchen, dass dieser Junge nicht mit auf Kitareise fährt. Als die Leitung das ablehnte, beschlossen alle Eltern von Mädchen geschlossen, dass dann kein Mädchen mehr auf Kitareise fährt.

Das ist so falsch:
1. wird der Junge bestraft und stigmatisiert, obwohl er sich korrekt verhalten hat. Sexualität darf und soll verhandelt werden: Darf ich dich dort anfassen? Magst du es, wenn ich dich hier küsse? Etc.
Genau das hat er gemacht: gefragt. Wenn dann ein “ja” kommt, ist es okay; bei einem “nein” ist Stopp. Das müssen alle Kinder lernen, und wir Eltern müssen es ihnen beibringen. Dazu gehört auch:
2. dem Mädchen zu Hause nicht zu erzählen, dass der Junge nicht hätte fragen dürfen und “böse” ist, sondern klarzustellen, dass sie in diesem Moment “ja” oder “nein” sagen kann. Ihre Scheide ist kein Tabu, sondern sie kann und darf und soll selbstbewusst und selbstbestimmt und stolz darüber entscheiden wer wann wie ihre Scheide sehen oder anfassen darf.
Das aber müssen Mädchen (und Jungen ebenfalls) erst lernen. Und wir Eltern müssen es ihnen beibringen!

In diesem Fall ist verheerend was beide Kinder (und mit ihnen alle anderen Kinder der Kita) lernen: schon zu fragen, ob ich die Scheide (den Penis) anfassen darf ist “böse”. Und anstatt zu erfahren wie und wann ich “nein” oder “ja” sagen will, wird schon die Kommunikation darüber tabuisiert.
So entsteht Verunsicherung auf allen Seiten und die Kinder werden bestraft, weil die Eltern ihre eigene Unsicherheit nicht im Griff haben und übertragen. Das kann nicht gut sein.

Die Konstellation “fragender Junge-verunsichertes Mädchen” ist dabei sicherlich kein Zufall. Gerade unseren Mädchen müssen wir beibringen selbstbewusst mit ihrer Scheide umzugehen. Das geht nur über den eigenen Umgang damit. Das Ding da unten hat viele Namen, die genannt werden wollen: Scheide, Muschi, Vagina… Und wir müssen die Freude und den Stolz auf diese Scheide auch sprachlich ausdrücken: “Du hast eine wunderbare Scheide.” Wenn meine Tochter mir sagt “guck mal, ich habe eine große Scheide” dann sage ich “Ja, Du hast eine tolle, große Scheide!”
Unsere Tochter darf mit auf Kitareise fahren, denn wir bringen ihr einen selbstbewussten und stolzen Umgang mit ihrer Scheide bei.

Habt ihr gemerkt, wie oft ich in diesem Text Scheide geschrieben habe? Die Scheide ist kein Tabu – erst Recht nicht für unsere Kinder!

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2 thoughts on “Die Scheide ist kein Tabu

  1. Voilá! So schön einfach auf den Punkt kann man diese Entwicklungsphase und das Thema beschreiben und damit in die richtige Richtung treiben. Da können sich jetzt wohl einige Kita-Eltern bedanken für ein Portion selbstbewusste Aufklärungsarbeit!

  2. Vielen Dank für den schönen Text, ich stimme voll zu!

    eine Anmerkung habe ich:

    Ich denke, dass “Scheide” ein reichlich fragwürdiger Begriff ist, kommt er doch etymologisch von “Schwert und Scheide” – das Organ als Aufbewahrungsort für den Penis. Schmerzhafte Assoziation, sehr Hetero-Penetrations-fixiert und es unterstützt die Idee von männlich = aktiv/aggessiv vs. weiblich = passiv/empfangend

    Ich finde es wegen dieser ganzen “da unten”-Tabuisiererei auch als erwachsene und feministische Person mit einem ebensolchen Organ immernoch schwierig, weil schambesetzt, selbstbewusste und vor allem auch von keiner anderen Person abhängige Begriffe und Umgangsweisen zu finden. Ich laviere hier mit den Wörtern Möse, Vagina, Vulva.

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