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Die Scheide ist kein Tabu 2. Teil

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 Das Interesse an meinem letzten Artikel war groß und ich will erzählen, wie die Geschichte weitergegangen ist: Gestern hatten wir in der Kita unserer Tochter einen außerordentlichen Elternabend zu den “Vorfällen.” Fast drei Stunden saßen wir zusammen um herauszufinden, was denn nun eigentlich “passiert” ist, und wie die Situation zu bewerten ist.
Tatsächlich lässt sich zusammenfassen, dass die Vorstellungen was kindliche Sexualität ist und darf, gravierend weit auseinander gehen. Für manche ist dabei schon das Fragen ob man die Scheide/den Penis sehen oder anfassen darf eine Grenzüberschreitung und wird als “Übergriff” bewertet.
Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass viele Eltern  kindliche Sexualität von Mädchen und Jungs sehr unterschiedlich bewerten. Die Jungs werden dabei als aggressiv-fordernd beschrieben, die Mädchen als passiv-verängstigt. Dass ein Mädchen ggf. auch “ja” sagen möchte oder selbst Initiative ergreift, stand bei einigen Eltern in der gestrigen Debatte außer Frage.
Als Mutter eines Jungen und eines Mädchens kann ich diesen Unterschied nicht feststellen. Sicherlich hat jedes Kind seinen eigenen Grad an Neugier auf den eigenen und den anderen Körper, aber  Mädchen haben selbstverständlich auch großes Interesse an Sexualität und Körpern. Es ist wichtig “nein” sagen zu können (und darin gehört zu werden) – das gilt im Übrigen für alle Bereiche des Lebens – aber es ist nicht das einzige was Mädchen in solch einer Situation sagen können oder gar sagen sollen.
Anstatt panisch und mit Angst zu reagieren, wenn unsere Kinder uns verwirrt von solchen Situationen berichten (sie lernen ja gerade erst, sich in in diesen Situationen zu erfahren), sollten wir ruhig mit ihnen besprechen, was ihre Optionen sind (ja, nein, Hilfe holen…) und nachfragen, was unser Kind am liebsten in dieser Situation gemacht oder gesagt hätte und es dann darin bestärken. Stattdessen wurden die Mädchen in ihrer kindlichen Unsicherheit bestärkt und in eine Opferrolle gedrängt. Wie gesagt, was “passiert” ist, ordne ich nach wie vor in die Kategorie “Doktorspiele” ein.
Die Jungs wurden in Teilen der gestrigen Debatte zu Tätern stigmatisiert (insbesondere wurde sich auf einen Jungen eingeschossen, was besonders perfide war) und es wurden Sanktionen (“spürbare Konsequenzen”) gefordert. “Reden reicht nicht mehr” – war ein Satz, der mir besonders aufgestoßen ist. Was denn sonst? Es geht schließlich um Kinder, die ihre Sexualität und ihre Grenzen erfahren sollen dürfen. Dazu braucht es Freiräume UND Unterstützung, keine Sanktionen und Strafen.
Der Ausschluss des Jungen von der Kitareise wurde somit auch kategorisch von der Kitaleitung abgelehnt. Zwei Mädchen wurden von ihren Eltern mit sofortiger Wirkung aus der Kita genommen – ohne, dass sie sich noch einmal von ihren Freunden verabschieden dürfen. Zwei weitere Mädchen dürfen nicht mit auf die Kitareise fahren, so dass diese nun ggf. abgesagt wird.
Heute findet jedoch ein Probeschlafen in der Kita statt, an dem alle anderen Kinder teilnehmen. Die Stimmung unter den Kindern – so bestätigten die Erzieher/innen und die meisten Eltern – ist im Übrigen sehr gut (außer, dass unsere Kinder überhaupt nicht verstehen, was gerade passiert und darüber große Verwirrung herrscht). Und es wird einen weiteren Elternabend mit professioneller Begleitung geben, um das Erlebte zu verarbeiten – für die Eltern!
Und da liegt meiner Meinung nach die Krux: die Eltern haben Angst und sind verunsichert, wie mit dem Thema kindliche Sexualität umzugehen ist. Eine Mutter sagte “vielleicht tabuisieren wir, weil wir soviel darüber reden.” Ich denke, das ist nicht richtig. Das Tabu entsteht, wenn wir nicht oder nur in Floskeln über (kindliche) Sexualität reden. Dazu gehört auch, dass sich Eltern ihre eigenen Ängste ehrlich anschauen sollten, um nicht von ihnen überrannt zu werden. Denn bei allen Verletzungen, die gestern deutlich bei einigen Eltern spürbar waren, war es meiner Meinung nach vor allem die von Angst getriebene Eskalationsspirale, die zu diesen drastischen Entscheidungen geführt hat.

Mädchen und Jungs haben ab Geburt eine kindliche Sexualität und ein Interesse an Körpern – das ist kein Tabu.