Monthly Archives: December 2014

Mermaiding? Nein! Wir brauchen keine kleinen Meerjungfrauen

Seit Herbst 2014 bieten die Berliner Bäderbetriebe sogenanntes “Mermaiding” an.

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Quelle: Berliner Bäder Betriebe

Worum geht es? Mädchen (ja, dieses Angebot richtet sich offenbar exklusiv an Mädchen und Frauen) können “lernen” wie Meerjungfrauen zu schwimmen. Die Mädchen müssen sich dabei lediglich in einen halben Anzug mit Meerjungfrauenflosse zwängen, so dass ihre Beine gebunden sind. In dem “Schwimmkurs” wird ihnen dann “beigebracht,” trotzdem noch zu schwimmen.

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Quelle: B.Z. Berlin

Tatsächlich geht es aber nicht um die “Erfahrung” wie eine Meerjungfrau zu schwimmen, sondern lediglich und ausschließlich um das Aussehen der Mädchen, denn ein professionelles Fotografen- und/oder Videoteam lichtet die Mädchen (gegen extra Gebühr) über und vor allem unter Wasser in “Meerjungfrauenposen” ab. Die Mädchen werden dabei professionell als Meerjungfrau geschminkt und frisiert.

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Quelle: Berliner Bäder Betriebe

Am besten entlarven die Anbieter und Teilnehmerinnen diese neue “Trendsportart aus den USA” in ihren eigenen Worten: Die “Schwimmlehrerin” Sabine Schönborn erklärt der B.Z.: “Man muss den Körper dabei wie eine Welle bewegen. […] Das trainiert Bauch, Beine und Po.” Die Reporterin Christina Folgman kommentiert ihren Eigenversuch zusammenfassend mit den Worten “[s]ieht schön aus, fühlt sich aber komisch an. Die Beine kann man darin nur noch als Paar bewegen.” Der Sprecher der Berliner Bäderbetriebe Matthias Oloew fügt hinzu: “Mermaiding ist sexy. Da kann Bahnen schwimmen nicht mithalten.”

Ich fasse das mal zusammen: Mermaiding fühlt sich komisch an, sieht aber schön bzw. sexy aus. Es trainiert Bauch, Beine und Po, aber man kann sich leider nicht mehr richtig bewegen.
Es geht also letztlich nur um das Aussehen der Mädchen, die im hautengen Kostüm und Bikinioberteil vor allem ihre Körper präsentieren sollen. Weder erlernen die Mädchen dabei eine neue Fähigkeit, noch ist es wirklich eine positive körperliche Erfahrung (“fühlt sich komisch an”).
Das Ergebnis sind durchgestylte, bewegungsunfähige süße Mädchen, die genau wie Hans Christian Andersens kleine Meerjungfrau ihrer Stimme beraubt werden. Unter Wasser redet es sich bekanntlich schlecht. Nach dem Motto: Hauptsache ihr seht süß und sexy aus!
Mermaiding = genderfail

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Quelle: B.Z. Berlin

Unser bester Mann… ist – Überraschung – eine Frau

Was machen wir nun damit?

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Ein Geschlechter-ironisches Wahlplakat der FDP? Müssen wir jetzt applaudieren?
Gut, dass auch der letzte Tatort vom 7.12.2014 ebenfalls mit diesem alten Kalauer aufwartet (doppelt hält besser!):

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Quelle: spiegel.de

Nicht ohne Grund, habe ich mich übrigens für diesen Link zum Spiegel entschieden, auch ob der Absurdität des Artikeltitels (oder ist der auch ironisch gemeint?).

Nun aber zu “unser (bester) Mann” ist eine Frau… Was für eine alte Schmonzette. Im Tatort vom Chef zur Kommissarin gesagt, kann ich noch eine leichte Sozialkritik heraushören, die solcherart verkrusteter Strukturen ironisch zu brechen versucht.
Aber als Wahlplakat einer Politikerin im Jahr 2014? Das ist doch so ein alter Hut (oder in diesem Fall besser “langer Bart”, ha, ha).
Dieser Wahlkampfspruch suggeriert einen aufgeklärten Umgang mit den Problemen Sexismus und Geschlechterdiskriminierung. Die FDP deutet hier an, sie wisse um aktuelle Gender- und Gleichberechtigungsdebatten – sei sogar soweit, sich ironisch darüber zu erheben.
Tja, nur sieht die Realität anders aus. Auch wenn die FDP seit der letzten Bundestagswahl nicht mehr im Bundestag vertreten ist, zeigt eine Grafik der Bundeszentrale für politische Bildung schnell, wie es um die Frauenquote und Geschlechtergleichstellung in der FDP im letzten Jahrzehnt bestellt war:

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Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Mit nur 24,6% bzw. 24,7 % weiblichen FDP Bundestagsabgeordneten (nicht zu reden von der Parteispitze), kann sich die FDP diese Form der Ironie nicht leisten (mal ganz abgesehen von sexistischem Verhalten a la Rainer Brüderle, vgl. dazu Laura Himmelreichs Stern Portrait über Brüderle “Der Herrenwitz” vom 1.2.2013). Den Anteil der Frauen an der FDP Parteimitgliedschaft hat die Bundesanstalt für politische Bildung übrigens mit 25% (1996) bzw. 22,6% (2009) bzw. 23% (2012) ermittelt.

Sogar die Diakonie Deutschland, nicht gerade der progressivste Verband den ich kenne, gab im Juni 2014 einen Flyer zur geschlechter-gerechten Sprache mit dem Aufmacher “Sie ist unser bester Mann! Wirklich?” heraus. Selbst bei der Diakonie haben sie also verstanden, dass “Sprache […] nicht nur ein Spiegel unseres Alltags und unserer Wertvorstellungen [ist|, sondern […] auch Wirklichkeit [schafft]. Gesellschaftlicher Wandel und der Wandel der Sprache beeinflussen sich dabei gegenseitig.” (Auch dieser Flyer ist sicherlich nicht ganz auf der Höhe der Geschlechter-Debatte, aber zeigt dennoch Ansätze der Auseinandersetzung mit den Themen Gleichberechtigung und Diskriminierung in unserer Sprache).

Wenn sich die FDP also heute mit einer vermeintlich Geschlechter-ironischen Wahlwerbung als up-to-date schmücken möchte, geht das gehörig schief. Denn erstens ist die FDP nicht glaubwürdig, am wenigsten bei diesem Thema, und zweitens zeigt sich hier, dass die FDP nicht nur sprachlich “Schnee von gestern” ist.

Und es wird schlimmer: Am Abend hat sich auch Frau Suding in einem kurzen Interview mit dem Focus geäußert: “Das Plakat darf man mit einem ironischen Augenzwinkern sehen. Es geht darum, dass wir Entschlossenheit und Durchsetzungsstärke signalisieren wollen.”
Und das geht nur als Mann, Frau Suding?
Der Spiegel wiederum zitiert einen FDP “Eingeweihten”: “Eine Debatte über Gleichberechtigung, Sexismus oder Gender-Rollen, das habe man mit dem Mann-Frau-Verwirrspiel jedenfalls nicht anstoßen wollen, …”
Aha, dann ist das Plakat doch einfach nur diskriminierend und sexistisch. Passt ja wieder zur FDP und ihrer entsprechenden Frauenquote.